Family affairs 1

16.03.2021

Das männliche Selbstverständnis  in Zeiten der Pubertät

Man könnte meinen, es sei ihnen bereits als Babys mit in die Wiege gelegt worden, das schier unumstößliche, männliche Selbstbewusstsein. Stellt sich nur die Frage: von wem? Ich möchte behaupten, keinesfalls von mir. 

Da ist zum Beispiel mein Sohn. Er ist 13. Sofort höre ich im Geiste das Stöhnen all derer, die selbst Eltern eines pubertierenden, männlichen Teeangers sind. Für sie könnte dieser Artikel vermutlich an dieser Stelle bereits enden – denn ihnen brauche ich nichts zu erzählen. Sie wissen! 

Spätherbst in Deutschland. Der zweite Lockdown und die Kinder befinden sich im Home-schooling. Während meine Tochter gewissenhaft mehrere Stunden am Tag vor ihrem PC sitzt, Aufgaben erledigt, Blätter ausdruckt, Bücher wälzt, kommt auf die Nachfrage bei meinem Sohn, wie weit er denn gekommen sei, lediglich ein knappes: „Fertig.“ 

„Wie – fertig?“, frage ich, „jetzt schon?“ 

„Jaa-a.“ (Augenrollen und aufs Handy gucken gleichzeitig – läuft!).

„Zeig’ mal her.“

„Mensch, Mama, vertrau’ mir. Ich muss nur noch Englisch machen, aber erst für Freitag.“

„Aha“, sage ich und denke fieberhaft nach, wie ich meine Bedenken möglichst Pubertier-gerecht rüberbringe, ohne dass sofort die Fetzen fliegen. 

Vielleicht erstmal schnell kontrollieren, vielleicht hat er ja tatsächlich … . Passwort hab ich ja. Aber mein Gefühl hat mich nicht betrogen. In der Tabelle mit 13 zu erledigenden Aufgaben befindet sich gerade mal ein Haken. Und da ist auch eine Mail von der Lehrerin im Fach HuS (Hauswirtschaft und Soziales). Es ist die erste mail, sie ist noch recht freundlich. Sie informiert mich, dass mein Sohn keine Hausaufgaben gemacht hat und sie nachholen soll. Auch, dass er überhaupt seit Wochen wenig Interesse zeige. Hm, nicht gut, denke ich. Selbstverständlich kennt und benennt mein Sohn alle möglichen Gründe, warum er daran keine Schuld hat: Entweder kommuniziert die Lehrerin das nicht richtig, oder in der Whatsapp-Klassengruppe waren alle der Meinung, Abgabetermin sei erst übernächste Woche. Beliebt ist auch: „Das hat niemand gemacht.“ Na super, denke ich, ein schlagendes Argument. 

Okay! Tief durchatmen! Probieren wir es mal mit positiver Verstärkung: loben, wenn etwas gut läuft. Vielleicht ist es das, was er braucht. Allerdings muss ich erstmal eine Weile nach etwas suchen, das gut läuft. Jedenfalls zur Zeit. Als ich ihn dann schließlich überschwänglich lobe, weil er schon um fünf am Nachmittag die erste Hausaufgabe für den nächsten Tag erledigt hat, stelle ich fest, dass er das gar nicht braucht. Die Anerkennung, meine ich. Er lobt sich nämlich schon selbst. Bereits Kleinigkeiten scheinen dafür geeignet.

„Oh, du hast ja den Müll (… der tagelang im Flur stand!) schon mit runter genommen.“

„Klar, ich bin ja auch Legende.“

Oder, nachdem die Hausaufgabe für HuS, einen Kuchen zu backen und das zu dokumentieren, mit zwei Wochen Verspätung endlich erledigt ist: „Der Kuchen ist aber lecker geworden.“

„Du meinst: perfekt.“

Wie überhaupt alles an ihm perfekt ist: perfekte Frisur, perfekte Klamotten, der perfekte Sprung mit dem Skateboard und so weiter und so fort, und er wird nicht müde, das immer wieder zu betonen. 

Woher kommt das, frage ich mich. Und wieso kenne ich keine Frau, die so redet? Ich finde keine Antwort. Irgendwie muss das mit den Hormonen zusammenhängen. 

Allerdings haben meine Beobachtungen ergeben, es kann sich nicht um Hormone handeln. Zumindest nicht die von Pubertierenden. Es muss etwas sein, das sich – zumindest bei den Vertretern der männlichen Spezies – bis an ihr Lebensende durchzieht. Wie sonst ist es zu erklären, wenn ein Mann nach 15 Jahren gemeinsamen Haushalts auf den Satz: „Hey, diesmal hast du ja die Teller richtig einsortiert“, antwortet: „Ich weiß, ich bin ja auch der geborene Hausmann.“

Und es kann auch nicht erblich bedingt sein, denn heute kam der Mann von der ISTA vorbei, das ist der, der die Zählerstände abliest. Während er da im Bad auf dem Fußboden kniet, überlegt er laut, was er für einen Zähler braucht. Er nennt einen Typ, schaut in seinem Tablet nach und findet seine Vermutung bestätigt. Aber statt eines bescheidenen „Hab’ ich mir gedacht“ kommt ein: „Aaah. Ich bin einfach gut“. 

Aber zurück zum Pubertier: 

Die AirPods im Ohr, während vor drei Bildschirmen FiFA gezockt wird, singt er plötzlich „1001 Nacht“ von Klaus Lage mit. Obwohl: Singen trifft es nicht wirklich. Es klingt eher nach einer Mischung aus Brummen und Schnarren, erinnert an einen brünstigen Hirsch, manchmal von einem kurzen Kieksen durchbrochen, weil er mit dem Stimmbruch noch immer nicht ganz durch ist. Und wieder hat er keinerlei Hemmungen, sich als sängerisches Naturtalent zu bezeichnen.

Ich schwanke: Soll ich lachen oder mir ernsthaft Sorgen machen? Aber hey, chill’ mal, höre ich im Geiste meinen Sohn und sehe ihn förmlich vor mir: zwei Zentimeter größer als ich, aber gefühlt haushoch überlegen. 

Und dann beschließe ich, dass es mir egal ist. Mein pubertierender Sohn findet sich perfekt. Na und? Was soll ich dagegenhalten? Gegen ein gesundes Selbstbewusstsein ist ja nichts einzuwenden. Schön und gut, mag der Eine oder die Andere zweifeln, aber das schießt doch deutlich übers Ziel hinaus. Und Mädchen pubertieren doch auch, oder? 

Auch wieder wahr. Nun ja, vielleicht ist einfach der Begriff falsch. Denn wenn ich es mir so recht überlege, ließe sich dieses Phänomen ohnehin treffender mit „Selbstherrlichkeit“ umschreiben. Was gleichzeitig die Erklärung für den Unterschied zwischen Männern und Frauen sein könnte:  schließlich steckt da „Herr“ ja schon mit drin. Mensch, dass ich das erkannt habe. Tja, ich bin wohl Legende. 😉

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